Ich habe heute das Bild eines Engels gesehen.
Der Engel aber war kein Engel, es war ein Mann.
Der Mann war tot. Ein toter Soldat, hinter ihm stand ein Panzer.
Der Mann lag an der Erde die Beine und Arme von sich gestreckt
als hätte er sich erschöpft aber glücklich in
den Schnee geworfen für einen Schneeengel.
Aber anstatt einen Engel in den Schnee zu machen war
der Mann nun von Schnee bedeckt.
Dieser Mann war nun ein Engel, ein Engel im Schnee.
Viele sehen in diesem Bild nur ein Bild, ein Bild das man
schnell wieder vergessen kann.
Ein Bild das viele schnell wieder vergessen werden.
Wenn das Bild eines solchen Engels ist etwas gewöhnliches
geworden, etwas das man schnell wieder vergisst, vergessen möchte.
Ich vergesse dieses Bild nicht, sehe ich auf dem Bild doch nicht
nur einen toten Engel.
Ich sehe vielleicht einen Bruder, vielleicht einen Vater,
aber ganz bestimmt einen Sohn.
Ich sehe jemanden der so wie Ich manchmal lange und lustlos
für seine Schulaufgaben lernen musste, auch wenn es in einer anderen Sprache war,
der auch aufgeregt war als er schwimmen lernte und nicht wusste wie Ihm geschah
als er sich das erste mal verliebte.
Dieser Mann Ist nun nicht mehr, er ist nur noch ein Engel im Schnee,
ein Schneeengel der bald vergeht. Und so wie der Schneeengel vergeht
wird auch unerzählt seine Geschichte vergehen, verweht und vergessen.
Und als meine aufmerksamkeit von diesem Bild abschweift
fällt es auf ein anderes Bild bei mir an der Wand.
Ein Bild eines knienden Soldaten in einem Meer aus Gräbern,
mit Kreuzen gemacht aus Helmen und Gewehren,
in sich versunken und verzweifelt fragend: “Warum?”.
(C) by Chris Huth, November 2023